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Schicksale des Klimawandels

Klimawandel hat Folgen für unser Leben. Wir stellen Menschen vor, die schon heute von den möglichen Auswirkungen des Klimawandels hautnah betroffen sind.

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Der Klimawandel kennt keine geografischen Grenzen. Seine Auswirkungen sind bereits heute auf allen Kontinenten sichtbar und spürbar. Mit dem Projekt der Schweizer Fotografen Braschler und Fischer „Schicksale des Klimawandels“ wollen wir dafür sensibilisieren, dass Menschen in den unterschiedlichsten Regionen der Erde zunehmend in ihrer Existenz bedroht sind.

Mann mit Kind in Mali

Projekthintergrund

Die Porträts und Geschichten sind Ergebnis einer fotojournalistischen Weltreise, bei der die Autoren Menschen fotografiert und interviewt haben, die vom Klimawandel direkt betroffen sind.

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Fotografen Braschler und Fischer

Braschler & Fischer

Die beiden Schweizer Fotografen Braschler und Fischer haben sich auf Porträt-Projekte spezialisiert. Mit ihrer Arbeit gewannen sie unter anderem einen World Press Photo Award.

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Weltkarte

Brennpunkte des Klimawandels

Laut Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung lebt jeder zehnte Mensch an einem Ort der Erde, der bis zum Ende des Jahrhunderts zu einem der Brennpunkte des Klimawandels werden kann.

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Nubra-Tal, Ladakh, Indien

Wir haben unser Haus 2006 bei einer Sturzflut verloren. Schon früher hatte es kleinere Fluten gegeben, aber so etwas noch nie. Es goss in Strömen. Zum Glück konnten wir uns in Sicherheit bringen, aber unser Haus wurde zerstört. Und wir mussten hilflos zusehen. Bis vor einigen Jahren war dies ein wunderschönes Tal mit Feldern und Vegetation. Doch seit das Wasser gekommen ist, ist es nicht mehr dasselbe. In den letzten Jahren regnet es im Winter ungewöhnlich viel, und der Schnee produziert viel zu viel Schmelzwasser. Ich habe in meinem Leben schon mehr al drei Überschwemmungen erlebt. Frühere Generationen hatten nie mit derartigen Wasserproblemen zu kämpfen. Ich bin traurig, wenn ich die Stelle besuche, wo einmal mein Haus stand. Bis auf einen Aprikosenbaum ist nichts mehr übrig. Dort, wo wir jetzt leben, haben wir kein eigenes Land und können keine Landwirtschaft betreiben. Das ist sehr traurig für uns. Ich fürchte, in den kommenden Jahren wird eine noch verheerendere Flut kommen, weil sich das Klima immer weiter verändert. Es würde mich nicht wundern, wenn einmal eine Flut käme, die alles zerstört.

Jakutsk, Sibirien, Russland

Wir haben Angst, hier zu leben. Das Eis unter unserem Haus schmilzt. Es ist so, als lebte man auf einem schwankenden Schiff. Jedes Jahr senkt sich das Haus mehr ab und wird überschwemmt, sodass wir den Fussboden wieder einige Zentimeter höher legen müssen. Eines Tages werde ich noch durch die Tür kriechen müssen. Unser Haus wurde dadurch beschädigt, dass das Wasser nicht richtig abfließen kann, denn die Straße draußen liegt höher als das Haus. Der Klimawandel belastet uns sehr. Die Sommer werden heißer und die Winter kürzer. Deshalb haben wir mehr Probleme als früher. Wenn es wärmer wird, wird sich mehr Wasser unter unserem Haus ansammeln und der Untergrund wird instabiler. Ich fürchte, irgendwann wir ein Sommer kommen, in dem dieses alte Haus einstürzt.

Karala, Tschad

Drei meiner sechs Kinder sind an einer Durchfallerkrankung gestorben. Das erste war sieben, das zweite sechs und das dritte drei Monate alt. Das ist sehr schlimm für mich. Wenn es zu heiß ist und kein Wasser mehr gibt, können die Bauern nicht mehr genug Nahrungsmittel produzieren. Deshalb hatte ich diese Probleme mit meinen drei Babys, die gestorben sind. Sie sind gestorben, weil das Wasser schlecht ist. Auch die Kinder unserer Nachbarn haben Probleme. Sie sind so krank geworden, dass man sie ins Krankenhaus bringen musste.

Früher war das Wasser einwandfrei. Man konnte es jederzeit problemlos trinken. Doch in den letzten sechs Jahren kommt die Regenzeit viel zu spät, und das ist sehr schlecht für uns. In meiner Jugend waren es nur fünf Kilometer bis zum See. Heute muss man mehr als 15 Kilometer gehen. Das Wasser hier ist verschmutzt. Es ist irgendetwas darin, was die Kinder krank macht. Es ist viel zu heiß, um sich hier aufzuhalten. Jetzt ist auch meine kleine Tochter krank geworden. Das kommt von der Hitze. Manchmal leidet sie unter Durchfall und bekommt Hautausschläge von der Sonne. Als ich jung war, ging es uns allen gut. Aber jetzt hat sich das Wetter und dadurch auch unser Leben komplett verändert.

Newtok, Alaska, Vereinigte Staaten

Ich möchte eigentlich nicht von hier wegziehen, aber wir haben keine andere Wahl, denn wir werden unser Land definitiv verlieren. Man kann dabei zusehen, wie der Permafrost schmilzt. Er reicht weit in die Tiefe, und wenn er das Land nicht mehr tragen kann, bricht er zusammen. Das Wetter verändert sich, aber es wird nicht besser, sondern immer windiger und regnerischer. Unsere Politiker bestreiten das. Was für Ignoranten! Sie sollten einmal hierher kommen und hier leben, um zu sehen, wie es ist. Ob ihnen das gefallen würde? Ich glaube nicht!

Früher lebten wir an einer schmalen Bucht, heute sind wir vom Wasser umgeben. Und es wird möglicherweise keine zehn Jahre mehr dauern, bis das hier weggespült ist. Deshalb haben wir Vorkehrungen getroffen. Wir haben uns fünf Standorte ausgesucht, die in Frage kämen. Sollte allerdings Permafrost darunter sein, wollen wir nicht dort leben, weil wir sonst womöglich wieder umziehen müssen. Ich möchte nicht nach Anchorage oder Bethel. Dort würde ich meine Sprache verlieren, meine Kinder würden ihre Sprache verlieren, und außerdem kommt man in größeren Städten leichter mit Drogen und Alkohol in Berührung.

Hongsheng, Gansu, China

Wir haben oft Sandstürme in dieser Gegend. Manchmal sind sie so schlimm, dass man kaum die Hand vor Augen sehen kann, und dann zerstreuen sich die Schafe in alle Winde. Als ich noch klein war, hat es viel geregnet. Wir hatten keine Wasserreservoire, weil wir sie nicht brauchten. Es hat immer geregnet, es gab überall Wasser und Bäche. Aber heute sind wir auf Bewässerungssysteme angewiesen. Ich habe den Eindruck, dass es immer heißer wird. In den Neunzigerjahren wurde es richtig schlimm. Jetzt kann man hier kaum noch Schafe züchten. In diesem Jahr hat es kaum geregnet. Ich fürchte, wir werden hier schon bald gar kein Wasser mehr haben. Früher mussten die Brunnen nur 30, 40 Meter tief sein, heute bohren wir 300 Meter tief, und das Wasser ist immer noch knapp. Dort wo ich wohne, haben wir kein Trinkwasser mehr. Man muss sich schon sehr anstrengen, um vielleicht eine halbe Tasse zusammenzubekommen.

Silverthorne, Colorado, Vereinigte Staaten

Wir hatten mehrere Jahre hintereinander eine wirklich schlimme Dürrezeit, und die Käfer, die in die Region eingefallen sind, haben alles niedergemacht. Seit Anfang, Mitte der Neunzigerjahre konnte man beobachten, wie sie sich immer stärker vermehrten und jedes Jahr ein bisschen näher kamen. Jetzt überwiegt in unserer Gegend, die früher sehr grün war, das Braun. Wenn die Bäume gesund sind und es nass ist, produzieren sie genug Saft und werden die Käfer im Nu wieder los. Im Moment sind sie dazu nicht in der Lage. Die Käfer überstehen den Winter, weil es nicht kalt wird. In der Zeitung habe ich gelesen, dass in den nächsten fünf Jahren 100 Prozent der großen Nadelwälder in Colorado tot sein werden. Das ist wirklich traurig. Es ist, als ginge in diesem Ort eine Ära zu Ende. Ich spreche oft mit meiner Frau darüber. Der Ort ist nicht mehr so dynamisch, so lebendig wie früher.

Pucarumi, Peru

Wir verlieren unsere Gletscher. Sie verwandeln sich in Wasser, und bei uns fällt weniger Schnee. Wenn das so weitergeht, wird uns das Wasser ausgehen, und wie sollen die Menschen dann leben? Das wird eine Hungersnot geben, die Tiere werden verenden, und Landwirtschaft wird kaum noch möglich sein. Kartoffeln wachsen normalerweise in einer Höhe von bis zu 3200 Metern, jetzt können wir sie in 4200 Metern Höhe anbauen und später irgendwann vielleicht sogar noch weiter oben. In meiner Jugend war der Boden sehr fruchtbar, inzwischen bringt er nicht mehr viel hervor. Als es noch schneite, war alles ganz weiß, und der Ausangate, der zweithöchste Berg Perus, sah wunderschön aus. Jetzt fällt immer weniger Schnee, und er ist hässlich geworden. Die Wissenschaftler sagen, dass wir nur noch für 25 Jahre Wasser haben. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wir machen uns große Sorgen.

Villanueva de Alcarrete, La Mancha, Spanien

Dass sich das Klima verändert, erkenne ich am Regenmangel und den späten Frösten, die unsere Ernte ruinieren und uns großen finanziellen Schaden zufügen. In diesem Jahr habe ich etwa 80 bis 90 Prozent meiner Getreideernte verloren. Jetzt bleiben nur noch die Trauben, und auch davon könnten wir 40 Prozent einbüßen. Die Regenzyklen sind anders geworden. Früher endete der Winter ungefähr im Februar, der April brachte etwas Regen, und dann begann der Frühling, und da regnete es auch. Es regnete ungefähr alle zwei Wochen oder so. Jetzt regnet es manchmal drei, vier, fünf, sechs Monate lang überhaupt nicht. Früher hatten wir im April keine Fröste mehr. Jetzt fallen die Nachttemperaturen, sobald sich die ersten Knospen zeigen, sie erfrieren, und die Ernte ist verloren. Früher brachte ein Hektar bis zu 3000 Kilogramm Gerste, ohne dass wir düngen mussten. Alles was nötig war, war Regen und dass man gewisse Arbeiten ausführte. In den letzten zehn Jahren waren es nicht einmal 1500 Kilogramm pro Hektar, und da obwohl wir Maschinen, Dünger und Pflanzenschutzmittel eingesetzt haben. Woran das liegt? Am Klima.

Wenn das so weitergeht, werden noch mehr Quellen austrocknen und das Wasser wird noch knapper werden. Nach und nach wird das hier zur Wüste, und der Klimawandel wird dafür sorgen, dass keine einzige Pflanze mehr wachsen kann. Ich hoffe zwar, dass bis dahin noch viele Jahre ins Land gehen, doch zurzeit ist die Entwicklung noch gar nicht absehbar.

Booroorban, New South Wales, Australien

Wir sind heute in einer Situation, in der ich praktisch kein Futter mehr habe. Und wir haben auch so gut wie kein Wasser mehr. Deshalb muss ich den Schafbestand reduzieren. Ich habe keine andere Wahl. Wir haben unsere Rücklagen fast aufgebraucht, und das bedeutet, dass ich mich verschulden muss. Wenn die Trockenheit anhält, können wir die Schulden nicht zurückzahlen. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem wir von hier weggehen müssen.

Allem Anschein nach werden die Perioden, in denen es trockener ist als gewöhnlich, immer länger. Ich muss mir Fotos ansehen, um mich selbst daran zu erinnern, wie ein normales Jahr aussieht. Es ist deprimierend, wie alles vertrocknet, wie die Bäume eingehen, die man gepflanzt hat. Einige meiner Nachbarn haben sich zum schlimmsten Schritt entschlossen und sich das Leben genommen. Ich versuche, optimistisch zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sich die Lage wieder bessert.

Korientzé, Mali

Wir sind erschöpft, sehr erschöpft, weil sich das Klima verändert hat. Unsere Häuser sind weit weg von hier. Wir haben sie verlassen, weil es nicht genug Regen gab. Wir folgen den Weidegründen. Wir gehen dorthin, wo es genug Wasser gibt. Früher hat es viel geregnet, jetzt ist das nicht mehr so. Als ich noch ein Kind war, hatten die Tiere genug zu fressen, die Menschen hatten genug zu essen, und alles war gut. Doch jetzt hat sich alles sehr verändert, und das macht mir Angst. Alle Züchter und Hirten haben Angst. Wenn es kein Wasser gibt, werden wir danach graben müssen, damit die Kühe etwas zu trinken haben. Wir hoffen, dass das Wasser nicht so bald ganz verschwindet. Wir beten um Wasser, damit die Tiere etwas zu fressen finden.

Grindelwald, Schweiz

Die Berghütte, die mein Großvater in der Nähe des Gletschers errichtet hatte, ist vor drei Jahren den Hang herabgerutscht, weil so viel Eis abgeschmolzen ist. Der Gletscher hat in den vergangenen 25 Jahren mindestens 80 Prozent seines Volumens verloren. Das ist enorm. Als mein Großvater die Hütte in den Vierzigerjahren eröffnete, stand sie etwa auf derselben Höhe wie die Oberfläche des Gletschers. Doch als er zu schrumpfen begann, wurde die Moräne instabil und rutschte Stück für Stück ab. Es war beängstigend. Auf einmal konnte man sehen, wie sich der Boden neben dem Haus auftat, und dann stürzte alles ab. Man kann noch sehen, wo das Eis war. Das sollte uns bewusst machen, dass hier etwas nicht mehr stimmt.

Tebunginako, Abaiang Atoll, Kiribati

Wir leben in der ständigen Angst, dass eines Tages alle Inseln Kiribatis verschwunden sein werden. Solche Probleme wie heute hatten wir noch nie.

Man hat uns gesagt, wir sollen die Häuser, die uns viel Geld gekostet haben, anderswo wieder aufbauen. Unsere Fischteiche und die Bananenpflanzen haben wir schon verloren. Die Erosion hat den Sand abgetragen, in dem wir früher nach Muscheln gesucht haben. Das Leben ist dadurch für uns härter geworden. Ich habe nicht viel Hoffnung für die Zukunft, wenn nicht irgendetwas geschieht. Vielleicht können wir von irgendwoher Hilfe bekommen, um unsere Umwelt zu schützen, oder man unternimmt etwas anderes, damit es nicht so weitergeht wie in den letzten Jahren. Wir glauben nicht, dass es sich um ein natürliches Phänomen handelt. Es wurde von anderen Menschen verursacht.